In der Silvesternacht auf 2026, ein paar Stunden vor Mitternacht, sitzt Gerhard am Rechner und schreibt die ersten Commits für ein neues Projekt. Andere Leute machen Raclette. Er baut ein Tool für Barcamps, weil er nach all den Jahren keine Lust mehr hat zu rätseln, ob auf dem Sessionzettel nun “Mediation” steht oder “Meditation”. So beginnt barcamp.io, technisch gesehen noch in 2025.
Um zu verstehen, wie es dazu kam, muss man gut zwölf Jahre zurück. Barcamp Hamburg, 2013. Gerhard ist damals gut vernetzt in der deutschen Blogging- und Social-Media-Szene, aber Konferenzen? Hielt er lange für etwas, das man sich leisten können muss. Dass es ein Format gibt, bei dem genau das nicht gilt, hatte ihm vorher niemand gesagt. Der Tag reißt ihn mit: Wissen, das freiwillig geteilt wird, mit Verve und Leidenschaft, ohne dass irgendjemand die Leute dazu zwingt. Mit einem Master im Wissensmanagement erkennt er sofort, was er da vor sich hat. Ein paar der Menschen von damals inspirieren ihn bis heute.
2015 dann der Seitenwechsel, aus einer Laune heraus: Fußball-Twitter war groß, ein Barcamp für Fußballthemen gab es nicht. Also machte er eins. Das fubacamp wurde gut angenommen, und der Samen war gepflanzt. Seitdem trägt er das Format überall hin, wo er arbeitet: interne Barcamps in Unternehmen und Projekten, für Wissensverteilung, für Wissensgenerierung, und für die Verbindungen zwischen Menschen, die dabei wie nebenbei entstehen.
2025 wurde aus dem Nebenbei ein Statement. Die Lean Kanban Central Europe hatte zuletzt 2019 stattgefunden, im deutschsprachigen Raum klaffte seither eine Lücke. Gerhard, beruflich akkreditierter Kanban-Trainer und Organisationsentwickler, wartete eine Weile darauf, dass jemand sie füllt. Dann machte er es selbst: das KANBANcamp.
Wer den roten Faden sucht: Es ist der Zugang. Das erste Barcamp entstand als Antwort auf das FooCamp, zu dem nur die Freunde von Tim O’Reilly, einem Publisher und Entwickler im Silicon Valley, eingeladen waren. Genau deshalb hängt Gerhard an dem Format: niedrigschwellig, offen, ein Gegenentwurf zu elitären Konferenzen, im Kern solidarisch im besten Sinne. Er glaubt, dass die Ungleichheit in der Gesellschaft massiv verringert werden muss, nicht zuletzt auch wirtschaftlich, und macht daraus keinen Hehl: tax the rich. Auch und gerade aus seiner eigenen, privilegierten Situation heraus.
Bleibt der Name. In seiner frühen Blogger-Zeit war Johnny Haeusler alias @spreeblick eine der prägenden Figuren der Szene. Ist er immer noch. Gerhard kommt aus Hamburg, wohnt ein paar Hundert Meter von der Elbe und guckt beim Spaziergang durch die Nachbarschaft aufs Wasser. @elbblick, der Rest ergab sich von allein.
Ansonsten: bis vor ein paar Monaten ein blauer Bulli, gern auf Reisen, gern mit Kamera in der Hand, viel zu selten mit Zeit dafür. Beim Fußball schlägt sein Herz für den HSV, besonders für das Frauen-Team, gegen Pauli hat er aber auch nichts. Kaffee schlägt Tee, außer im Sommer, wenn eisgekühlter Gerstentee oder selbstgemachter Eistee ins Spiel kommt. Und eigentlich würde er gern wieder mehr streamen und zocken. Das Erwachsensein hat andere Pläne.
Sparring
Wer sein erstes Barcamp plant oder in der Orga festhängt, schreibt ihm am besten einfach. Er nimmt sich gerne Zeit, so läuft das in der Community.