An Silvester essen die meisten Leute Raclette. Gerhard sitzt stattdessen in den letzten Stunden des Jahres am Rechner und schreibt die ersten Zeilen Code für ein neues Projekt. Der Grund: Er hat nach etlichen Jahren und zig Barcamps keine Lust mehr, auf handgeschriebenen Post-its viel zu oft nicht entziffern zu können, ob dort nun “Mediation” oder “Meditation” steht. barcamp.io geht noch in 2025 live - eine Minute vor Mitternacht.
Um zu verstehen, was ihn antreibt, muss man gut zwölf Jahre zurück. Barcamp Hamburg, 2013. Gerhard ist ganz okay vernetzt in der deutschen Blogging- und Social-Media-Szene, aber Konferenzen? Hielt er lange für etwas, das man sich leisten können muss. Dass es ein Format gibt, bei dem genau das nicht gilt, hatte ihm vorher niemand gesagt. Oder er hat es nicht gehört. Der Tag reißt ihn mit: Wissen, das freiwillig geteilt wird, mit Verve und Leidenschaft, ohne dass irgendjemand die Leute dazu zwingt. Mit einem Master im Wissensmanagement erkennt er sofort, was für eine Goldgrube - wissenstechnisch, nicht monetär - er da vor sich hat.
2015 dann der Seitenwechsel, aus einer Laune heraus: Fußball-Twitter ist groß, ein Barcamp für Fußballthemen gibt es nicht. Also organisiert er eins. Das fubacamp wird gut angenommen, und der Samen ist gepflanzt. Seitdem trägt er das Format überall hin, wo er arbeitet: interne Barcamps in Unternehmen und Projekten, für Wissensverteilung, für Wissensgenerierung, und für die Verbindungen zwischen Menschen, die dabei wie nebenbei entstehen.
2025 wird aus dem Nebenbei ein Statement. Die Lean Kanban Central Europe hatte zuletzt 2019 stattgefunden, im deutschsprachigen Raum klaffte seither eine Lücke. Gerhard, beruflich akkreditierter Kanban-Trainer und Organisationsentwickler, wartete schon eine Weile darauf, dass jemand sie füllt. Dann machte er es selbst und hebt das KANBANcamp aus der Taufe.
Wer den roten Faden sucht: Es ist der niedrigschwellige Zugang. Das erste Barcamp entstand als Antwort auf das FooCamp, zu dem nur die Freunde von Tim O’Reilly, einem Publisher und Entwickler im Silicon Valley, eingeladen waren. Der selbe Gedanke fasziniert Gerhard an dem Format: für alle zugänglich, offen, ein Gegenentwurf zu elitären Konferenzen, im Kern solidarisch im besten Sinne.
Das passt zu Gerhards Weltanschauung: Er glaubt, dass die Ungleichheit in der Gesellschaft massiv verringert werden muss, und macht daraus keinen Hehl. Gleichberechtigung und Gleichstellung. Der größte Schlüssel dazu liegt seiner Ansicht nach nicht zwingend beim Geld, sondern beim Wissen. Echtem Wissen. Fakten statt Meinung.
Und natürlich dem Ende des Kapitalismus: “Tax the rich.”
Sparring
Wer sein erstes Barcamp plant oder in der Orga festhängt, schreibt ihm am besten einfach. Er nimmt sich gerne Zeit, so läuft das in der Community.